UZUMAKI 01 – Spiral into Horror

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„Ich meine, die größte Gnade auf der Welt ist die Unfähigkeit des menschlichen Geistes, alles was er weiß, in Verbindung miteinander zu setzen. Wir leben auf einer schönen Insel des Universums inmitten eines unendlichen Meeres, und es war nicht gedacht, dass wir zu weit umher segeln. Die Wissenschaften, von denen jede ihren eigenen Weg geht, haben uns bis jetzt wenig geschadet, doch eines Tages wird man die unterschiedlichen Erkenntnisse miteinander verbinden, und dann eröffnen sich schreckliche Anblicke der Realität und unserer beängstigenden Lage darin, so dass wir entweder davon wahnsinnig werden oder vor dem schrecklichen Licht in den Frieden und die Sicherheit eines neuen Mittelalters fliehen.“

-HP Lovecraft


Shuichi lebt in der Kleinstadt Kurozu¹, besucht aber die Schule des Nachbardorfes Midoriyama² und muss deshalb täglich zwischen beiden Orten hin- und herpendeln.
Im direkten Vergleich fallen ihm dabei immer öfter merkwürdige Phänomene in Kurozu auf.
Zunächst empfindet er diese als unbestimmtes Unbehagen im Bezug auf den Ort Kurozu. Als dann sein Vater beginnt eine verrückte Obsession für Spiralformen zu entwickeln, nimmt das Grauen seinen Lauf und die düstere Kleinstadt verfällt dem wirbelnden Sog des Wahnsinns. Denn all die unwirklichen Vorfälle haben eine unheimliche Gemeinsamkeit, die Spirale³.

Das japanische Original erschien zwischen 1998 und 1999 im Magazin Weekly Big Comic Spirits. Nachdem bereits Übersetzungen in englischer Sprache, auf Französisch, Spanisch und Portugiesisch erschienen und der Manga bereits 2000 verfilmt wurde, erscheint nun bei Carlsen endlich auch eine dreibändige deutsch Adaption des Mystery/Horror-Schockers.

Und gleich der erste Band ist ein wahrhaftes Feuerwerk an subtilem aber tiefreichendem Horror.
Die gelungene Mischung aus realem Wahnsinn und übernatürlichem Grauen saugt den Leser in einen Wirbel morbider Faszination. Dabei kommt Uzumaki beinahe völlig ohne Blut und gänzlich ohne übertriebene Gewaltdarstellung aus und lebt von einem grundlegenden Grusel, der einen nicht mehr loslässt. Einmal mehr bewahrheitet sich hier der Lehrsatz, dass kein Film und kein Bild so beeindruckend, brutal, unheimlich oder blutrünstig sein kann, wie die eigene Phantasie. Wenn z.B. die Wahnsinnige Frau Saito zur Schere greift, um die Spirale in ihrem Ohr zu vernichten, kurz vor dem Zustechen aber umgeblendet wird auf den Krankenhausflur, verlässt der Leser seinen Standpunkt als morbide faszinierter Beobachter und wird übergangslos zum Täter und Komplizen der unheimlichen Mächte, die in Kurozu am Werke sind.
Tiefsitzende Ängste, Besessenheit und Geltungsdrang sind die inneren Dämonen, welche die Bewohner der Kleinstadt heimsuchen und empfänglich machen für den Horror, der sich ihrer von außen bemächtigt.

Denn neben dem psychologischen Effekt, fasziniert Uzumaki auch durch die subtile Beimengung übernatürlichen Schreckens. Dabei werden jedoch keine weitschweifigen Erklärungsversuche angestellt, um dem Leser die Vorkommnisse vielleicht plausibler zu machen. Nein, das Übernatürliche ist ebenso ein Aspekt der Wirklichkeit (s. o. Lovecraft-Zitat) wie die Spiralform, die sich in allem wiederfindet, von einem Wasserstrudel, über ein Schneckenhaus, bis hin zu den Rauchkringeln, die schon bald, in rascher Folge, aus dem Kamin des Krematoriums aufsteigen.
Gesteigert wird der erstickende Alpdruck, dadurch, dass die unheimliche Bedrohung zwar äußerst real, zugleich aber so gesichtslos wie allgegenwärtig ist.

Optisch setzt Ito auf ein striktes Paneling und grenzt damit die furchtbaren Geschehnisse, die von einem weißen Rahmen umschlossen sind ganz klar ein. Vergangener Vorfälle werden dadurch noch unheimlicher, dass sie als einziges schwarz unterlegt sind. Wahrhaft erschreckend, wird es dann, wenn die gräulichen Szenen diese brüchigen Grenzen zu überwinden drohen.

Ein kleines Highlight der deutschen Ausgabe ist das Buchcover, dass auf den ersten Blick zwar pechschwarz zu sein scheint, auf den zweiten Blick aber leichte Erhebungen erkennen lässt, die sich schnell zu einer der grauenerregendsten Szene des Comics zusammensetzen.

Insgesamt eine schöne runde Sache, die wir nicht nur jedem Mangafan sondern auch Freunden subtiler Horrorsstories a la Lovecraft oder Poe ans wild pochende Herz legen können.

Uzumaki (Band 1) – Spiral into Horror von Junji Ito, erscheint mit 212 Seiten im softcover, für 7,95€ bei Carlsen


¹Kurozu lässt sich sowohl vom Japanische Wort für ‚dunkel‘ ableiten, kann aber auch eine Japanisierung des Wortes ‚closed‘, d.h. ‚geschlossen‘ darstellen
² Midoriyama bedeutet ‚(saftig) grüner Berg‘
³ Uzumaki bedeutet Wirbel oder Spirale

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