YouTube-Revolution oder Sturm im Wasserglas

 

 

CartmanBrahErst vor Kurzem hat Southpark den Hype um die Welt der YouTuber, mit den Episoden #REHASH und #HappyHolograms auf die Schippe genommen. Selbstverständlich wurde die ganze Thematik southparktypisch überspitzt dargestellt: Kleinkinder stieren gebannt auf die Schirme ihrer Computer, Tablets und Smartphones. Sie verfolgen YouTube-Videos, in denen fremde Personen die neuesten Videospiele zocken und kommentieren. Selbst gespielt wird nicht mehr. Ist out.

Ich selbst fühle mich, was dieses Phänomen betrifft, oft als (kopfschüttelnder) Außenstehender.
Ich gucke mir gelegentlich lustige Videos auf YouTube an; schaue Let’s Plays, wenn ich für eine Recherche oder vor dem Kauf eines Spiels, dessen Gameplay einmal in Aktion erleben möchte; habe Bekannte und Kollegen, die Vloggen und deren Kanäle ich dann schon regelmäßiger besuche;

Na was hat er denn da feines in der Tasche? (v.l.n.r.) Gronkh, ich, SgtRumpel
Na was hat er denn da feines in der Tasche?
(v.l.n.r.) Gronkh, ich, SgtRumpel

hatte die Gelegenheit, im Rahmen meiner Tätigkeit für die Role Play Convention, Gronkh und SgtRumpel kennezulernen und habe als Inhaber eines Google-Accounts sogar einen eigenen YT-Kanal, den ich aber höchst selten nutze.

Einerseits fehlt mir einfach die Zeit, mir stundenweise Videos anzusehen. Vor allem, wenn diese oft wenig mehr zeigen, als mir völlig unbekannte Personen, die auf mal mehr, mal weniger sympathische Art und Weise vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen.

Andererseits fehlt mir hier schlicht die Interaktivität eines Gesprächs, Chats oder einer Forendiskussion, über die ich mich zu den besprochenen Themen austauschen kann, Rückfragen stellen oder argumentieren kann, warum ich anderer Meinung bin.
Allein aus diesen Gründen sind YouTube-Videos für mich hauptsächlich lustige, manchmal interessante, sehr selten sogar wertvolle Ergänzungen meines Alltags. Mehr nicht.

Und jetzt?

Jetzt macht der kölner YouTuber Simon Unge von sich reden und die Wellen, die er dabei schlägt, brechen sich sogar an den Gestaden derer, die, wie ich, relativ wenig mit dem ganzen Phänomen der YouTube-Stars zutun haben.

Simon Unge
Simon Unge

Unge ist seit gut zwei Jahren aktiver YouTuber. Vor ca. einem Jahr zog er dann, wie dies wohl viele tun, die auf YouTube erfolgreich sind oder sein wollen, nach Köln. Hier wohnt er aktuell im sogenannten YouTube-Haus, einem Mehrfamilienhaus, in dem auch andere YouTuber ihre Wohnungen haben.
Gemeinsam mit diesen schloss er sich dem YT-Netzwerk Mediakraft an. Nach eigener Aussage, versprach Unge sich von diesem Zusammenschluss von Kanälen sowohl organisatorische, als auch finazielle Unterstützung.

Mediakraft steht seit Ende 2014 vor allem durch interne YouTuber massiv in der Kritik.
Bislang konnte das Netzwerk durch seine schiere Größe (ca. 2.500 Kanäle) und den generellen Stellenwert in der deutsche YouTube-Szene (nach eigenen Angaben, führendes Multi Channel Netzwerk in Deutschland) derlei Anfeindungen oft überspielen. Zum Herbst 2014 verließen mit LeFloid und Daaruum dann die ersten namhaften YouTuber das Netzwerk. Im Dezember folgte nun Simon Unge, nicht ohne seinen Weggang aus dem Netzwerk in einem Video zu kommentieren.
In diesem kritisierte er vor allem die Geschäftsleitung von Mediakraft und kündigte an, seine Kanäle Ungespielt und Ungefilmt stilllegen zu wollen.

Und nun?

So sahen #shitstorms noch vor ein paar Jahren aus.
So sahen #shitstorms noch vor ein paar Jahren aus.

Nun macht er eben weiter YouTube-Videos auf einem neuen Kanal. Er hat die Gelegenheit seines Wechsels (der nun wohl auch juristische Folgen haben wird) aber auch dazu genutzt, die Geschäftsleitung seines ehemaligen Netzwerks zu diskreditieren („Die sind scheiße“, „die wollen ja nur Geld machen“). Damit verleitete er seine Fans dazu, unter dem Hashtag-Banner #Freiheit, einen der oftzitierten und gefürchteten Shitstorms auf ebendiese herabregnen zu lassen. Ungewöhnlich und völlig unerwartet für die sonst so guten Manieren im Netz.
Natürlich distanzierte Unge sich sogleich von den absehbaren aufkeimenden Beleidigungen, Drohungen und derlei anderen Unangemessenheiten, was auch immer dies wert sein mag, da er als erfahrener YouTuber nur zu genau um die Massen-Dynamik seiner Fangemeinschaft wissen dürfte.

Also alles nur ein dicker Werbegag?

So scheint es wohl. Und zwar ein ziemlich erfolgreicher obendrein. Denn aktuell kann der neue Kanal bereits über eine halbe Million Abonnenten aufweisen und damit dürfte der finanzielle Schaden zumindest für Unge relativ verkraftbar sein.

Nicht ein einziges...
Nicht ein einziges…

„Die Szene ist zu einer Branche geworden,“ resümiert YouTuberin Marie Meimberg in einem Artikel des Spiegel Online. Gemeint ist, dass die Kommerzialisierung -vor allem unter der Diktatur finanziell potenter Netzwerke a la Mediakraft– immer stärker dafür sorgt, dass der Markt mit beliebigen Abzieh-Vloggern überschwemmt wird und der eigentliche Content dabei oftmals auf der Strecke bleibt.

Für mich selbst, sehe ich da in Zukunft kaum absehbare oder spürbare Konsequenzen auf mich zukommen.
Vielleicht sind die Let’s Plays dann bald weniger kreativ oder individuell, aber das sind die Wikipedia-Artikel, die ich als Ausgangsbasis für die Recherche gewisser Themen nutze, in der Regel auch.
Insgesamt ist der #Freiheits-Sturm im weltgrößten Heimvideoarchiv also eher ein kleiner Rülpser, der schon bald verflogen sein dürfte.

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